Sucht & Co-Abhängigkeit
Der Konsum von Substanzen oder das intensive Ausführen bestimmter Verhaltensweisen kann unterschiedliche Funktionen im Leben haben. Für viele Menschen steht am Anfang das Erleben von Freude, eine spürbare Lockerheit in Gesellschaft oder ein Moment der Entspannung und Belohnung. Es ist die Erfahrung, dass etwas hilft, den Moment zu genießen, leichter mit anderen ins Gespräch zu kommen oder den Stress des Alltags für eine Weile hinter sich zu lassen.
Mit der Zeit kann sich dieses Erleben jedoch verändern. Was als freiwillige Wahl für mehr Leichtigkeit oder Geselligkeit begann, fühlt sich schließlich mehr wie ein inneres Müssen an. Betroffene beschreiben, dass sich der Alltag schleichend um dieses eine Mittel oder Verhalten herum organisiert. Es entsteht eine spürbare innere Zerrissenheit: Auf der einen Seite steht der Wunsch, die Kontrolle zu behalten, auf der anderen Seite bestimmt das Verlangen den Takt des Lebens. Dieses Gefühl, die Steuerung nicht mehr vollends in der Hand zu haben, geht oft mit einem Rückzug von Hobbys oder Bezugspersonen einher und mit der Erfahrung, in dieser Situation zunehmend auf sich allein gestellt zu sein.


Das Erleben von Abhängigkeit: Formen, Anzeichen und Wege des Entzugs
Welche Suchterkrankungen gibt es?
Suchterkrankungen zeigen ein vielseitiges Bild, lassen sich jedoch zusammenfassend in zwei Bereiche unterteilen, die fließend ineinander übergehen können:
Substanzbezogene Abhängigkeiten
Hier geht es um den Konsum von Stoffen, die direkt im Körper wirken. Dazu gehören Genussmittel wie Alkohol und Nikotin, verschiedene Medikamente (wie Schlaf-, Beruhigungs- oder Schmerzmittel) sowie andere pflanzliche oder synthetische Substanzen (wie Cannabis, Kokain oder chemische Wirkstoffe).
Verhaltensbezogene Abhängigkeiten
Hier steht kein Stoff im Mittelpunkt, sondern ein bestimmtes Tun. Dazu gehören die Glücksspielsucht und die exzessive Computerspielnutzung. Eine immer größere Rolle im Alltag spielt zudem die Smartphone-, Internet- und Social-Media-Sucht (oft als Mediensucht bezeichnet). Wenn das ständige Scrollen, Chatten oder Überprüfen des Bildschirms viele Stunden des Tages einnimmt und das reale Leben verdrängt, wird dies im Erleben der Betroffenen genauso intensiv und einschränkend erfahren wie eine stoffliche Abhängigkeit. Auch ein unkontrollierbares Kauf- oder Sexverhalten fällt in diesen Bereich.
Was sind die ersten Anzeichen einer Suchterkrankung und ab wann ist man süchtig?
Der Übergang von einem regelmäßigen Konsum oder einem intensiven Verhalten hin zu einer Abhängigkeit geschieht selten von heute auf morgen. Es ist ein schleichender Prozess, der oft mit feinen, fast unmerkbaren Veränderungen im Alltag beginnt.
Um diese langsamen Veränderungen erfassen zu können, wird das Erleben einer Abhängigkeit in drei wesentliche Kernbereiche zusammengefasst.
Beeinträchtigte Kontrolle über den Konsum
Hierzu gehört, dass das Einhalten eigener Grenzen nicht mehr wie geplant gelingt. Man nimmt sich fest vor, weniger zu konsumieren oder früher aufzuhören, merkt aber, dass die Steuerung versagt (der Kontrollverlust). Gleichzeitig kann sich ein intensiver, kaum bezähmbarer innerer Drang, das Mittel zu nehmen oder das Verhalten auszuführen zeigen (starkes Verlangen/ „Craving“).Zunahme der Priorität des Konsums
Das Suchtmittel oder Verhalten rückt zeitlich und gedanklich immer weiter in den Vordergrund. Andere Bereiche, die früher wichtig waren oder Freude gemacht haben, verblassen spürbar (Vernachlässigung von Hobbys, sozialen Kontakten und Verpflichtungen). Trotz des Wissens um negative Folgen im Alltag, im Beruf oder in Beziehungen wird der Konsum fortgesetzt (Weiterführen trotz schädlicher Folgen). Fällt die gewohnte Entlastung einmal weg, reagiert die Psyche oft mit spürbarer Unruhe, Nervosität oder Dünnhäutigkeit.Physiologische Merkmale und körperliche Anpassung
Der Körper reagiert direkt auf das Verhalten oder die Substanz. Einerseits gewöhnt er sich an die Zufuhr, sodass die ursprüngliche Menge nicht mehr ausreicht, um die gewünschte Wirkung oder Entlastung zu erzielen (Toleranzentwicklung). Andererseits rebelliert der Organismus mit spürbarem Unwohlsein, Händezittern, Schweißausbrüchen, Herzrasen oder Schlafstörungen, wenn die Zufuhr gestoppt wird (körperliche Entzugssymptome). Häufig erfolgt der Konsum nur noch funktionell, um diese unangenehmen Begleiterscheinungen zu stoppen.
Medizinisch spricht man meist von einer Abhängigkeit, wenn Merkmale aus mindestens zwei dieser drei Bereiche über einen Zeitraum von einem Jahr (oder in intensiven Phasen durchgehend für mindestens einen Monat) das Leben maßgeblich bestimmen.
Der CAGE-Ansatz
Um abseits von klinischen Diagnosen einen ersten, ehrlichen Blick auf das eigene Verhalten zu werfen, dient der CAGE-Ansatz:
C (Cut down): Haben Sie schon das Gefühl gehabt, dass Sie Ihren Konsum oder das Verhalten reduzieren sollten?
A (Annoyed): Hat es Sie schon einmal geärgert, wenn andere Menschen Ihr Konsumverhalten kritisiert haben?
G (Guilty): Haben Sie sich wegen Ihres Konsums oder Verhaltens schon schuldig oder schlecht gefühlt?
E (Eye-opener): Haben Sie morgens schon als Erstes die Substanz/ das Verhalten gebraucht, um in den Tag zu starten?
Wenn Sie zwei dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet können, kann dies ein wertvoller Hinweis sein, genauer hinzuschauen und sich zu erlauben, professionelle Unterstützung zu suchen.
Wie läuft ein Entzug ab?
Sich aus einer Abhängigkeit zu lösen, ist ein persönlicher und herausfordernder Prozess. Dieser Weg wird meist in vier aufeinander aufbauende Phasen unterteilt. Da sich die unterschiedlichen Süchte jedoch stark in ihrer Natur unterscheiden, gestaltet sich dieser Prozess je nach Suchtmittel oder Verhalten unterschiedlich:
Die Kontakt- und Motivationsphase
Diese Phase findet im gewohnten Alltag statt, und es geht darum, sich dauerhaft für ein anderes Konsumverhalten zu entscheiden. Sie beginnt mit dem ersten Eingeständnis vor sich selbst, dass der Konsum oder das Verhalten Probleme verursacht. In dieser Phase geht es darum, Schamgefühle abzubauen, sich auf den Entzug vorzubereiten und den ernsthaften Wunsch zu entwickeln, sich aus der Abhängigkeit zu lösen.Die Entgiftungsphase/Entzugsphase
Hier unterscheidet sich der Weg nach der Art der Sucht:Bei Alkohol und Medikamenten
Da der abrupte Verzicht lebensgefährliche körperliche Reaktionen auslösen kann (Delir), erfolgt dieser Schritt (die Entgiftung) stationär im Krankenhaus unter ärztlicher und medikamentöser Aufsicht.
Bei Cannabis und anderen Substanzen
Hier steht meist nicht die akute körperliche Gefahr im Vordergrund, sondern das Durchstehen intensiver psychischer Symptome wie massiver Unruhe, Schlafstörungen oder starkem Suchtdruck. Dies kann, je nach Schweregrad, auch ambulant mit therapeutischer Begleitung geschehen.
Bei Verhaltenssüchten (z. B. Smartphone- oder Mediensucht): Da man ein Smartphone im modernen Leben oft nicht lebenslang komplett „absetzen“ kann, geht es in dieser Phase um eine entschiedene, zeitweise Medienabstinenz (Digital Detox) unter therapeutischer Anleitung. Das Ziel ist es, das überreizte Belohnungssystem im Gehirn herunterzufahren und den Autopiloten des ständigen Greifens nach dem Bildschirm zu durchbrechen.
Die Entwöhnungsphase und emotionale Aufarbeitung
Sobald die erste akute Phase des Verzichts geschafft ist, beginnt für alle Suchtformen die eigentliche therapeutische Kernarbeit (ambulant oder stationär). Jetzt geht es nicht mehr um das Suchtmittel selbst, sondern um die Ursachen im Hintergrund. Es wird ergründet, welche Funktion der Konsum oder das Verhalten im Leben hatte, sei es als Erleichterung bei Stress, als Brücke für Lockerheit in Gesellschaft oder als Betäubung von Einsamkeit. Betroffene erlernen hier neue, gesunde Bewältigungsstrategien für den Alltag.Die Nachsorgephase & Festigung
Der langfristige Erfolg entscheidet sich im Alltag, wenn die schützende Umgebung verlassen wird. Die Nachsorge dient dazu, neue Gewohnheiten dauerhaft zu verankern und Rückfällen vorzubeugen. Hierzu gehören die Neuordnung des Freizeitverhaltens sowie der Austausch in Selbsthilfegruppen, die Betroffenen einen sicheren und rückhaltgebenden Raum bieten.
Sucht in Beziehungen: Co-Abhängigkeit und familiäre Auswirkungen
Was bedeutet Co-Abhängigkeit bei Suchterkrankungen und woran erkenne ich sie?
Eine Suchterkrankung betrifft selten nur die konsumierende Person. Sie beeinflusst das gesamte Beziehungsgefüge, insbesondere Partnerinnen und Partner, Eltern, Geschwister oder enge Bezugspersonen. Aus tiefer Zuneigung, Sorge und dem Wunsch zu helfen, können Angehörige im Laufe der Zeit Verhaltensweisen entwickeln, die unbemerkt zu einer eigenen, schweren Belastung werden. Dieses Phänomen wird als Co-Abhängigkeit bezeichnet. Dabei koppelt sich das eigene Wohlbefinden schleichend an den Zustand des suchtkranken Menschen. Das Leben und Erleben wird vermehrt nach den Verhaltensweisen der betroffenen Person ausgerichtet.
Das kann sich durch folgende Erfahrungen zeigen:
Verantwortungsübernahme
Man beginnt, die unmittelbaren Folgen des Konsums für den anderen abzufedern. Das kann das Entschuldigen beim Arbeitgeber sein, das Erfinden von Ausreden gegenüber Dritten oder das Ausgleichen von finanziellen Engpässen, die durch die Sucht entstehen.
Gedankliche Einengung und Kontrolle
Die eigenen Gedanken kreisen um die andere Person. Es werden Verstecke kontrolliert, Kontostände überprüft, die Stimmung beim Nachhausekommen gedeutet oder es wird versucht, Situationen so zu steuern, dass kein Konsum stattfindet.
Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
Die eigenen Wünsche, Hobbys, Ruhephasen oder die eigene gesundheitliche Fürsorge werden hintenangestellt. Das tägliche Leben organisiert sich fast ausschließlich um die Frage, wie der Tag des anderen verläuft und wie Krisen verhindert werden können.
Schuld- und Schamgefühle
Es kann der Glaube entstehen, man trage selbst eine Mitverantwortung für das Verhalten des Gegenübers oder sei nicht in der Lage, die Situation positiv zu beeinflussen. Dies führt häufig zu Schuldgefühlen und einem schleichenden Rückzug aus dem sozialen Umfeld, um die betroffene Person zu schützen und die Situation zu verheimlichen.
Was kann ich tun, wenn mein Partner oder ein Familienmitglied süchtig ist?
Im Allgemeinen ist die wirksamste Hilfe für den suchtkranken Menschen paradoxerweise, die unbewusste Unterstützung der Sucht einzustellen. Da eine Heilung oder Veränderung niemals gegen den Willen oder ohne die aktive Bereitschaft der betroffenen Person erzwungen werden kann, verändert sich die Form der Hilfe:
Keine Konsequenzen abnehmen
Dem suchtkranken Partner oder Familienmitglied sollten die natürlichen Folgen des Konsums oder Verhaltens nicht mehr abgenommen werden. Das bedeutet beispielsweise, keine Entschuldigungen mehr zu schreiben oder die durch den Konsum vernachlässigten Aufgaben im Haushalt nicht stillschweigend zu übernehmen. Finanzielle Unterstützung in Form von Bargeld oder das Übernehmen von suchtbezogenen Schulden sollten konsequent verweigert werden, da dies den Konsum oft unbewusst verlängert. Sinnvoller ist es, falls nötig, ausschließlich konkrete Sachleistungen (wie Lebensmittel) direkt zu bezahlen.
Selbstbestimmung stärken
Es hilft, in Ich-Botschaften zu formulieren, welche Verhaltensweisen man für sich selbst nicht mehr toleriert. Diese Grenzen müssen konsequent und verlässlich eingehalten werden.
Gespräche in stabilen Momenten führen
Konfrontationen oder Vorwürfe im Moment des akuten Konsums oder Rausches führen selten zu Einsicht. Hilfreicher sind ruhige, sachliche Gespräche in nüchternen Momenten, in denen die eigenen Sorgen und Beobachtungen geteilt werden.
Die eigene Fürsorge priorisieren
Die wichtigste Aufgabe für Angehörige ist es, für die eigene psychische und körperliche Gesundheit zu sorgen. Sich selbst professionelle Unterstützung zu suchen oder sich Abgrenzung zu erlauben, ist kein Verrat am anderen, sondern die Voraussetzung, um selbst stabil zu bleiben.
Welche Funktion hat Sucht in Beziehungen und Familien?
Aus der Perspektive der Systemischen Therapie werden Symptome, die einer Person zugeschrieben werden können, als Teil eines Wechselspiels innerhalb von Beziehungen verstanden. Das Thema Sucht in Beziehungen kann eine spezifische, kreisförmige Eigendynamik zeigen. Es entsteht ein Teufelskreis, der durch zwei suchtspezifische Besonderheiten geprägt ist:
1. Das Kontroll-Paradoxon
Die Besonderheit bei einer Suchterkrankung ist das Thema Kontrolle. Wenn die betroffene Person die Steuerung über den Konsum oder das Verhalten verliert, übernehmen die Angehörigen unbewusst die Aufsicht. Daraus entwickelt sich eine wiederkehrende Schleife:
Aus Sorge wird kontrolliert, gemahnt, nach Verstecken gesucht oder Fehler im Außen ausgeglichen, um den Alltag abzusichern (Stellvertreterkontrolle).
Für die suchtkranke Person fühlt sich diese permanente Überwachung jedoch wie ein massiver Druck, eine Bevormundung oder ein zusätzlicher Kontrollverlust an.
Um dem Druck, der Scham oder den damit verbundenen Schuldgefühlen zu entkommen, reagiert die betroffene Person oft mit heimlichem Konsum oder Trotz.
Das wiederum bestätigt das Umfeld darin, noch enger und misstrauischer zu kontrollieren.
Damit stabilisiert die Kontrolle der Angehörigen paradoxerweise genau das Verhalten, das sie eigentlich verhindern will. Die gut gemeinte Lösung wird unbemerkt zu einem Teil des Problems.
2. Der „Dritte im Bund“
Bei vielen Konflikten dreht sich die Auseinandersetzung direkt um die Beteiligten selbst. Bei einer Sucht hingegen tritt ein unsichtbarer Dritter in die Beziehung ein: das Suchtmittel oder das Suchtverhalten.
Das Mittel als Puffer
Wenn zwischen Partnern Spannungen, unausgesprochene Erwartungen oder Ängste herrschen, dient das Suchtmittel als Isolationsschicht. Konflikte über die eigentliche Beziehung werden nicht ausgetragen, sondern durch den Konsum oder den Streit über den Konsum ersetzt.
Die Organisation um das Symptom
Das gesamte Leben des Paares oder der Familie organisiert sich um die Sucht herum (Verheimlichen vor dem Umfeld, Absprachen im Alltag, Krisenmanagement). Das schweißt das System auf eine leidvolle, aber intensive Weise zusammen. Die Sucht wird zum Bindeglied, das andere Fragen der gemeinsamen Zukunft überlagert.
Psychotherapie & Beratung in München Innenstadt oder Online
Vom Kontrollverlust im Verlangen zu neuen Beziehungswegen
Wenn intensiver Konsum mit seinen Auswirkungen die Beziehung zu sich selbst und anderen zunehmend bestimmt, kann eine professionelle Begleitung helfen, innezuhalten und neue Perspektiven zu gewinnen.
Die Praxis für Psychotherapie (HeilprG) und Systemische Beratung in München (Innenstadt/Maxvorstadt) bietet Betroffenen, Paaren und Familien einen fachlich fundierten Rahmen. Hier werden die Mechanismen von Abhängigkeit und deren Auswirkungen auf Angehörige betrachtet, um festgefahrene Kreisläufe behutsam aufzulösen und neue, gewünschte Handlungspfade für den Alltag zu entwickeln.
Sophienstraße 5
80333 München